Dominik Stilb (Teil 3)


 
Obwohl die Strände, die auf dem letzten Teilstück des Abel Tasman Tracks zu finden sind, zu den schönsten zählen, spüre ich nach eineinhalb Tagen und 52 Kilometern bei vollem Gepäck doch schwere Beine. Der tiefe, wenn auch goldgelbe Sand verbessert diesen Zustand nicht unbedingt. Für einen Sonntag und bei absolut wenig Verkehr finde ich relativ schnell eine Mitfahrgelegenheit nach Collingwood, weit im Norden der Südinsel an der Golden Bay. Zufälligerweise ist der letzte Fahrer, der mich mitnimmt, Daniel, ein Mitarbeiter des Backpacker-Hostels Somerset House.

Lebhaft, aber in keinster Weise aufdringlich berichtet er, dass sie an Weihnachten geöffnet haben und wie toll alles geworden sei. Meine Pläne für die nächsten Tage sehen so aus, dass ich mir zwei Tage Ruhe gönnen möchte, um dann meine Reise fortzusetzen. "Ich möchte mir gerne den Ort anschauen, bevor ich ins Hostel komme", erkläre ich Daniel und gehe auf Entdeckungstour. Collingwood liegt, fernab von Durchgangsverkehr zwischen tropisch grünen, cirka 400 bis 500 Meter hohen Hügeln westlich und der Golden Bay, einer großen, ihrem Namen gerecht werdenden Bucht, östlich, 40 Jahre vor unserer Zeit, so scheint es. Kommt man in die an einem Meeresinlet liegende Hauptstraße, die so ziemlich die einzige Straße des 200-Seelen-Dorfes ist, findet man zwei, drei Restaurants, eine Tankstelle,eine Poststelle, einen Friseur, einen kleinen Supermarkt, der eher dem Tante-Emma-Laden gleicht, zwei Pubs und ein Travelunternehmen, das Safaritouren an den Farewell Spit, den nördlichsten Punkt der Südinsel, veranstaltet.

Die Holzbauten haben schon bessere Zeiten gesehen, und doch hat das Ambiente etwas Liebenswertes. Der neuseeländische "way of easy living", was bedeutet, sich keinen Stress zu machen wird hier offensichtlich potenziert. Der Blick in diese Szenerie erinnert mich an eine Filmkulisse, in der, abgesehen von der Safari, nur sehr wenige Touristen zu sehen sind.

Nach diesem Eindruck schlendere ich den Hügel zum Somerset House hinauf, wo mich Chris, der Besitzer des Hostels, der nebenbei drei Tage in der Woche als Zahnarzt praktiziert, empfängt. Zur Entspannung verbringe ich den Nachmittag mit einem Buch auf der sonnenüberstrahlten Veranda, von der man eine wunderbare Aussicht auf Ort und Umgebung hat. Chris ist mit Swenja, einer deutschen Wwooferin beim wandern und hat erst einmal das Haus in meine Obhut übergeben.

Bei einem familiären Abendessen mit gemütlichen Beisammensein der paar Gäste, bekommt man schnell Kontakt. Am nächsten Morgen berichtet Chris, er habe zwei Tennisplätze am Ortsrand bekommen können. Allerdings seien sie zugewachsen und ungepflegt. Wenn ich Lust dazu hätte, könne ich als sogenannter Wwoofer einige Zeit bei ihm bleiben. Ohne lang überlegen zu müssen, sage ich ihm zu.

Er offeriert mir danach, jederzeit das Auto benutzen zu können, um mobil zu sein. Außerdem besäße er ein Kajak, mit dem man auf dem ins Meer mündenden Aorere River oder an der Küste entlang paddeln könne. Für Freizeitaktivität ist hier also bestens gesorgt. Zudem ist es entspannend, seinen Gedanken einfach mal freien Lauf zu lassen und sich nicht ständig fragen zu müssen: "Wo kann ich heute Nacht bleiben?". Gegen mittag fahre ich mit Chris nach Takaka, dem nächsten größeren Ort. Er selbst hat einen Termin und ich kann das Auto nutzen. Also fahre ich in ein fünf Kilometer entferntes Klettergebiet, das bekannteste der Insel, um mir die Felsen anzuschauen. Leider habe ich mein Equipment nicht dabei, dies wäre einfach zu schwer für einen Rucksack, der alles Nötige für viereinhalb Monate enthalten muss. Am Fels treffe ich drei Kletterer, die mich begrüßen. Als sie erfahren, dass ich in Deutschland dieses "climbing" auch praktiziere, zaubern sie einen vierten Gurt hervor und drängen mich förmlich, mit ihnen mitzuklettern. Wir bilden also zwei Seilschaften, und zwischen den Genusstouren, die wir emporkraxeln, erfahre ich einiges über Richard, Jim und Simon. Unter anderem sind sie nämlich Mitglieder und Betreuer bei der Organisation "Youth for Christ", einem Verein, der mit dem CVJM in Deutschland vergleichbar ist. Zufälligerweise hat mich Michael Fuhrmann, 1. Vorsitzender des CVJM Pirmasens, ein paar Tage vorher per E-Mail gefragt, ob in Neuseeland ähnliche Vereine existieren. Weniger die großen Freizeiten, wie sie beim CVJM durchgeführt werden, als eher die regelmäßige Jugendarbeit kombiniert mit Outdoor-Aktivitäten, die in Neuseeland einfach dazugehören müssen, stehen bei "Youth for Christ" im Vordergrund. Wie sie erzählen, ist ihre christliche Jugendarbeit deren des CVJM gleich, während sie bei der Tramping-, Kajak-, oder Canioningevents auf die Eigeninitiative und Erfahrung ihrer Mitarbeiter zurückgreifen müssen.

Zusammenarbeit, wie etwa CVJM und DVA (Deutscher Verein für Abenteuersport) in Pirmasens ausüben gibt es hier nicht. Kommerzielle Adventureclubs, bei denen Touristen diese Events machen können, verlangen hohe Preise. Der Unterschied zur ehrenamtlichen Arbeit dem CVJM ist, dass die Mitarbeiter in Neuseeland teils von der Kirche, teils durch Spenden der Eltern der Jugendlichen bezahlt werden. "Youth for Christ" ist in 16 Sektionen in die größeren Städte des ganzen Landes aufgegliedert. Am nächsten Tag erlebe ich die herrliche Natur des frühen Morgens im Kajak, mit dem ich bei aufkommender Flut den Fluss hinauf- und bei abnehmender Flut wieder hinunterpaddle. Dann beweise ich aber auch, dass ich ein "willing worker" bin und widme mich dem Tennisplatz. Außerdem gehe ich Daniel bei der Arbeit ums Haus zur Hand oder erledige, was gerade anliegt.

"Willing workers on organic farms" ist eine tolle Möglichkeit, für Reisende, die etwas mehr Zeit mitbringen, Land und Leute kennen zu lernen. In solch eine glückliche Situation zu kommen, dass der Arbeitgeber weniger auf die Arbeit, als mehr auf ein harmonisches Zusammenleben wert legt, macht die Sache doppelt wertvoll. Natürlich wird es nicht bei jeder Wwooferstelle so paradiesisch zugehen, doch auf jeden Fall bereichert ein solches Intermezzo meinen Urlaub immens. Infos übers weltweite Wwoofen findet ihr auch im Internet.


 
[zurück]


letzte Änderung am : 21.04.2002, 20:00