Dominik Stilb (Teil 5)


 

Der Lake Angelus liegt tiefblau und unberührt auf 1 600 Meter. Dahin fällt mein Blick ­ während ich auf einer Bank vor der gleichnamigen Hütte sitze und mich von der Sonne bescheinen lasse. Dabei schlürfe ich eine heiße Tasse, bestehend aus Instantkaffee, Ovomaltine und Milchpulver und knabbere ein paar Müslikekse. So wunderbar kann das Leben sein. Zusammen mit Swenja, die sich entschlossen hat, mich auf diesem Track zu begleiten, bin ich schon seit acht Tagen im Nelson Lakes National Park unterwegs und habe, so denke ich, alle Facetten dieses herrlichen Fleckens Natur kennen gelernt.

Der erste Tag ging am Lake Rotoiti entlang von St Arnaud bis an die Lakehead Hut. Ein gemütlicher Weg mit Seeblick ohne nennenswerte Höhenunterschiede, so dass man diesen Tag getrost als "Eingehtag" ansehen kann. Die paar Rivercrossings (Überquerungen) ändern daran nichts, da sie trotz des höheren Wasserpegels aufgrund der Regenfälle der vergangenen Tage doch relativ locker und ohne völlig durchnässte Hosen zu machen waren. Auf der Lakehead Hut mit einem Froschkonzert in den Schlaf gequakt zu werden, ließ die Schönheiten, die wir die nächsten Tage erleben durften, erahnen.

Abseits des Travers-Sabine-Circuit, so der Name des Tracks, geht ein Seitental hoch zum Mt. Cupola. Der gilt als "Juwel" des Nationalparks, und schon bald erfuhren wir weshalb. Sobald wir vom Originaltrack abzweigten, ging es steil bergauf durch mysteriös anmutenden "Elfenwald", entlang eines Flusses, der mehr und mehr an Steigung zunahm. Diesen Fluss galt es bei einer Gelegenheit auf einem schmalen Baumstamm zu überqueren, was durch die schweren Rucksäcke nicht unbedingt einfach war.

Gewaltige Wassermassen begleiteten uns dann durch einen engen, mit ausgewaschenen Höhlen bestückten Canyon. Dieser verbreiterte sich etwas und ließ pitoreske Wasserfälle und Kaskaden entstehen, so dass wir aus dem Staunen nicht mehr herauskamen.

Begleitet wurden wir auf dieser, wie auch auf der nächsten Etappe von Phil, dem Kiwi aus Pirongia und Beat, einem Schweizer, der seine Weltreise per Velo für diesen Track unterbrach. Nach beschwerlichem Anstieg, erreichten wir die gemütliche kleine Cupola Hut, und genossen den wunderbaren Panoramablick auf Mt. Cupola, Mt. Hopeless und den Travers Creek. Zwei Kiwis und eine Australierin erwarteten uns bereits mit einem prasselnden Holzofenfeuer, das die Kühle des Abends auf immerhin 1 450 Meter Höhe vertrieb.

Strahlender Sonnenschein am nächsten Morgen machte uns den Abschied aus diesem Idyll nicht leicht. Zurück im Travers Creek lud der teils heftig strömende, teils spielend hinabplätschernde Travers River mit seinen tiefen Gumpen zum Bad ein. Dieses Angebot konnten wir wirklich nicht ausschlagen, und die müden Muskeln waren mit einem Mal wie neu belebt. Kurz danach ging’s auf einem Abzweig zu den Travers Falls, einem 20 Meter hohen Wasserfall, der in ein Becken von cirka 30 Meter Durchmesser schoss. Dabei brach die Gischt das hereinfallende Sonnenlicht in seine Spektralfarben. Unser Tagesziel hieß Upper Travers Hut, wo außer Swenja, Phil, Beat und mir noch Janet, eine Britin, Ferry aus Fürstenfeldbruck und Chris mit Karenza, zwei Kiwis aus Dunedin übernachteten.

Am nächsten Tag stiegen wir aus dem Kessel, in dem die Hütte lag, auf den Travers Saddle, wo wir neben einem verträumten Bergsee, den Travers und den Sabine Creek zu sehen bekamen. Umso steiler war der Abstieg, auf dem einmal eine Abfahrt auf einem Schotterfeld möglich war, womit 150 Höhenmeter in einem Rutsch (im wahrsten Sinne des Wortes) zurückgelegt waren. An der West Sabine Hut angekommen weihten wir den Fluss mit einem Sprung ins kühle Nass ein, was zum Glück zeitig geschah, denn gegen 15 Uhr verschwand die Sonne bereits hinter den Hügeln.

Der fünfte Tag war erholsam, denn wir ließen das Gepäck auf der Hütte zurück und machten uns mit dem Nötigsten ausgerüstet zum Blue Lake auf, eine lockere Tagestour hin und zurück. Der Blue Lake selbst erwies sich nicht nur als blau, sondern wies sämtliche Farbtöne von Tiefblau über Türkis bis hin zu Hellgrün auf. An Ufer trafen wir auf alte Bekannte von der letzten Hütte, was ein großes Hallo und "Von-Erlebten-Berichten" bedeutete. Ein halbstündiger Marsch bergauf, und wir gelangten an den Lake Constance, ein riesiger Bergsee, der mit seinem Wasserfall auf der Gegenseite und an den Seiten zahlreichen Zuflüssen ein besonderes Ambiente zu bieten hatte. Das obligatorische Bad durfte nicht fehlen.

Am Sabine River entlang verlief unsere Tour am darauffolgenden Tag von West Sabine bis zur Sabine Hut, wie gemalt am Ufer des Lake Rotoroa gelegen. Einziges Manko am Bilderbuchszenario waren die lästigen Sandflies ­ notorische Störenfriede, die aussehen wie Eintagsfliegen (übrigens auch genauso lange leben), jedoch stechen wie Moskitos und gerade an Seen scharenweise über "Blutlieferanten" herfallen. An solchen Orten sind die Fenster mit Fliegengittern ausgestattet, und der einzige Trost ist, dass die Plagegeister spätestens eine Stunde nach der Dämmerung das Zeitliche segnen. Sonnenaufgang über dem See ­ was gibt es herrlicheres, wenn da nicht die morgens frisch geschlüpften und hungrigen Sandflies gewesen wären.

Also flüchteten wir zeitig, da noch ein weites Stück Weg vor uns lag. In dicht verwurzeltem Wald legten wir einen vierstündigen Marsch hin, der aufgrund der ständigen Auf und Abs (später nur noch Aufs) nicht einfach war. Von der dann erreichten Speargrass Hut folgten wir einer Route (im Gegensatz zum Track schlecht markierter Weg, dessen Verlauf man teilweise selbst finden muss) entlang eines Bachbettes, das stark an Höhe zu nahm.

Nach weiteren mühsamen drei Stunden standen wir auf dem Angelus Saddle und sahen auf den See und die Hütte hinunter, die im Sonnenschein erstrahlten. Auf dieser schönsten der bisher Da Gewesenen Hütten fällt es leicht zu entspannen und den Rest des Tages zu genießen. Schachspiele mit David, den wir auf dem Track kennen gelernt haben, und Gespräche in netter Runde lassen den Abend schnell verstreichen.

Am kommenden Morgen ist der Gipfel komplett in Wolken gehüllt ist. Der erste Tag, an dem die Sonne nicht zu sehen ist. Wir entscheiden uns für den Rückweg über den Robert Ridge, ein Rücken der sehr exponiert und alpin anmutend gigantische Aussichten in die umliegenden Täler zeigt. Die Wolkenschicht ist glücklicherweise über uns, und wir müssen uns nur vor böig auffrischenden Wind in Acht nehmen, der uns mit unseren großen Rucksäcken des öfteren einen Schritt zur Seite machen lässt. Dick eingemummelt begeistert uns eine wahre Gratwanderung.

Zum Abschluss erwartet uns die Bushline Hut, auf der wir den letzten Abend verbringen, stilvoll mit Blick auf Lake Rotoiti, zu dem wir einige Stunden später hinuntersteigen werden. Der Nelson Lakes National Park zeigt sich beim Sonnenaufgang nochmals von seiner besten Seite und präsentiert ein Schauspiel ohne gleichen: Wir sind fasziniert von rasch vorbeiziehenden Wolken, blauen Himmel und einzelnen Sonnenstrahlen, die sich immer wieder ihren Weg auf dem dichten Busch und die grünen Täler bahnen. Dieses einmalige Erlebnis, neun Tage lang fern von der zur Gewohnheit gewordenen Zivilisation zu sein war etwas ganz Besonderes. Man muss das gesamte Essen, Ausrüstung und Kleidung mit sich tragen, sich jeden Tag neu vorbereiten und Gedanken machen, welchen Weg man wählt, ob das Wetter hält oder wie lang die Etappe sein darf.

Man hat Entbehrungen auf sich zu nehmen. Dafür bekommt man eine solch vielfältige Natur geschenkt, in die man sich für diese kurze Zeit eingliedert. Man ist mit Freunden unterwegs und lernt interessante Menschen kennen. Man leistet sportliche Anstrengung, auf die man hinterher stolz sein kann. Das Erstaunlichste finde ich jedoch, dass, obwohl rein theoretisch die meisten Menschen die Möglichkeit dazu hätten, so wenige diese wahrnehmen, um das Beschriebene zu erfahren. Leider ­ oder doch glücklicherweise, denn nur dadurch wird den wenigen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen eine unglaubliche Natur beschert, die nach wie vor ihren ursprünglichen Charakter bewahrt hat.


 
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letzte Änderung am : 21.04.2002, 20:00